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Siempelkamp sieht Osterpaket gefährdet

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Autor: Sarah Holtkamp

Siempelkamp sieht Osterpaket gefährdet
Die Geschäftsführer Dirk Howe und Dr. Georg Geier (Quelle: Siempelkamp)

Tausende Windkraftanlagen mit über 100 Gigawatt Gesamtleistung sollen im Rahmen eines Energiesofortmaßnahmenpakets („Osterpaket“) des Ministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz bereits bis 2030 an Land und auf See neu errichtet werden. Die Geschäftsführung der Siempelkamp Giesserei (SGK) weist darauf hin, dass diese Planungen aufgrund fehlender Großgusskapazitäten in Deutschland und Europa allerdings kaum realisierbar sind.

„Bei einem Bedarf von über 100 Tonnen Handformguss pro Windrad würden bis 2030 insgesamt 3,6 Mio. Tonnen Gussteile benötigt – also etwa 450.000 Tonnen im Jahr“, erläutert SGK-Geschäftsführer Dr. Georg Geier.

Das Problem: Die jährliche Gesamtproduktion von Gusseisen mit Kugelgraphit für den Maschinenbau in Deutschland liegt bereits jetzt bei etwa 555.000 Tonnen. Ein knappes Zehntel davon stellt die Manufaktur in Krefeld her. Um die Windenergiepläne des „Osterpakets“ umzusetzen, müssten die deutschen Gesamtkapazitäten daher fast verdoppelt werden. Das übertrifft sogar die in den Medien veröffentlichten Analysen der SGK vom Jahresanfang. Doch nicht nur in Deutschland fehlen Gusskapazitäten. Auch im nahegelegenen Ausland sind die wenigen auf Großguss spezialisierten Gießereien bereits für die Realisierung von Windenergieprojekte in anderen Ländern, aber auch Bauteile aus dem Maschinenbau voll ausgelastet.

Gießereien melden volle Auftragsbücher – bei steigenden Produktionskosten

Gerade Gießereien, die auf besonders große Strukturbauteile wie Naben, Maschinengehäuse oder Achszapfen bzw. Wellen spezialisiert sind, sind in Europa rar gesät. Aufgrund der Bedeutung dieser Strukturbauteile für große Maschinen in der Automobilproduktion, Mühlen für die Rohstoffverarbeitung und Zementherstellung oder leistungsstarke Motorenblöcke sind die Kapazitäten der bestehenden Gießereien oftmals schon auf Jahre hin ausgebucht. Gleichzeitig rächt sich nun der Einbruch des Windenergieausbaus in den vergangenen Jahren. Dieser führte dazu, dass in Deutschland spezialisierte Gießereien mit mehr als 120.000 Tonnen Kapazität an Handformguss vom Markt unwiederbringlich verschwunden sind. Und auch die jetzt noch vorhandenen Gießereien haben in den vergangenen Wochen und Monaten stark kämpfen müssen:

„Die Preise für wichtige Industriemetalle wie Nickel, Kupfer, Aluminium, Zinn oder Zink sind infolge des Ukraine-Kriegs förmlich explodiert. Hinzu kommt der bereits seit Monaten viel zu hohe Strompreis, der an der Börse gezahlt werden muss. Wir rechnen mit Beträgen im hohen siebenstelligen Bereich, die wir in diesem Jahr zusätzlich aufbringen müssen“, beklagt Dr. Georg Geier und ergänzt: „Unsere Industrie ist für so viele Zukunftsprojekte systemrelevant: von der Energiewende bis zur Fertigung von Elektroautos. Das aktuell bestehende Entscheidungsvakuum für dringend benötigte, angepasste Rahmenbedingungen für mittelständisch geprägte Industrieunternehmen in Deutschland können wir nicht nachvollziehen und belastet uns sehr.“

Drohszenario Gasboykott könnte gesamte Industrie in Deutschland lahmlegen

Das derzeitige Drohszenario eines Boykotts russischer Gaslieferungen, die über die Hälfte des deutschen Gasbedarfs decken, bezeichnet die Geschäftsführung der Siempelkamp Giesserei entsprechend als „Spiel mit dem Feuer“. Ohne eine zuverlässige Gasversorgung sei die Gießerei gezwungen, ihre Produktion drastisch zu reduzieren oder ganz einzustellen. Die Folgen für die gesamte Wirtschaft wären gravierend. Sie gingen aufgrund unvorhersehbarer Dominoeffekte über jede aktuelle Hochrechnung hinaus. Gerade die mittelständische Industrie, die nun aber gebraucht wird, um eine Energieunabhängigkeit von Russland und die Abkehr von fossilen Brennstoffen zu erreichen, wäre besonders betroffen:

„Ohne bei uns produzierte Kurbelgehäuse können keine neuen LNG-Frachtschiffe gebaut werden, mit denen sich Wasserstoff oder Flüssiggas nach Europa verschiffen lassen“, erläutert SGK-Geschäftsführer Dirk Howe und ergänzt: „Es werden keine weiteren Kupfer- oder Nickellagerstätten erschlossen, um die Energietransformation und Elektromobilität erfolgreich zu gestalten.“ Auch Geschäftsführer Dr. Georg Geier ist sich sicher: „Dreht man jetzt den Gashahn unvermittelt zu, ohne ausreichend Alternativen zu haben, würde man riskieren, dass die Lieferkette der Industrie an vielen Stellen reißt und viele Projekte der Energiewende aufgrund fehlender Bauteile nicht realisiert werden könnten. Der Traum von der europäischen Energieunabhängigkeit wäre schnell vorbei, und man hätte stattdessen eine „Lose-Lose-Situation“ geschaffen.“

Zudem könnten Millionen Beschäftigte ihren Job verlieren. Umso mehr sei man froh, dass Robert Habeck als Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister so deutlich gegen ein sofortiges Energieembargo Russlands eintrete. Gleichzeitig fordern die Geschäftsführer von ihm hinsichtlich seiner „Osterpaket“-Pläne mehr stabile wirtschaftliche und unternehmerisch sinnvolle Rahmenbedingungen. Diese müssen für die deutsche Gießereiindustrie und eine langfristige Perspektive für die Betreiber, die auch über das Jahr 2030 hinausgeht her. Nur so können in Deutschland zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden.

Siempelkamp Giesserei fordert klare Regulierung und mehr Dialog

Darüber hinaus sei eine sofortige Regulierung der aktuellen Energiepreise dringend erforderlich. Die für besonders gebeutelte energieintensive, mittelständische Unternehmen dringend erforderliche Entlastung muss geschaffen und die Wettbewerbsfähigkeit erhalten werden.

„Die aktuelle Krise, aber auch die Entwicklungen der letzten Monate haben gezeigt, dass es gezielte staatliche Rahmenbedingungen bei Energiepreisen braucht. Langfristig muss festgelegt werden, welche Unternehmen in ihren Tätigkeitsfeldern besonders systemrelevant sind und daher bei essenziellen Kostenpunkten wie dem Industriestrom entlastet werden“, macht Geschäftsführer Dirk Howe klar.

Dabei dürfe die Politik aber nicht nur Großkonzerne in ihre Überlegungen einbeziehen. Vielmehr müssen auch die Belange des Mittelstands als Rückgrat der deutschen Wirtschaft berücksichtigt werden. Hier wünscht sich das Management der Siempelkamp Giesserei zukünftig mehr Dialog und direkten Austausch mit politischen Entscheidern und Institutionen.